Die Facebook-Anmaßung oder die Vermessung des Lebens.
Wer sich auf die Timeline einläßt, d.h. wer nicht bei Facebook austritt, dessen Leben wird vermessen, kategorisiert und archiviert. Dabei beginnt die Timeline mit einer Anmaßung: "Geburt" steht am Beginn des Zeitstrahls, der ab sofort den Verlauf unseres Lebens abbilden soll, der zu alledem in den Augen der Facebook-Entwickler linear verläuft. Man merkt, dass diese Entwickler wohl noch sehr jung sein müssen oder böswillig, sonst wüßten sie, dass Leben nie linear verlaufen, sondern immer chaotisch.
Der Ausdruck Geburt ist einer dieser rafinierten semantischen Tricks, die unsere digitale Existenz an unser echtes Leben knüpfen soll. Es bedeutet: Es gibt hier (oder es darf hier) keinen Unterschied geben. Die Authentizität ist ein wichtiger Baustein, der Facebook überhaupt werthaltig macht.
Mit dem Eintritt bei Facebook beginnt nach dem Wunsch der Facebook-Leute unser digitales Leben. Da ist es konsequent, das auch so drunter zu schreiben. Eigentlich eine weitere Anmaßung, denn viele der frühen Facebook-Nutzer waren natürlich schon vor der Facebook-Geburt online. Aber das wird sich vielleicht bald ändern. Wer heute im Kindesalter zum ersten Mal ins Internet geht, der sieht vielleicht wirklich zuerst und nur Facebook.
Fiktion eines konsistenten Lebensarchivs.
Die schöne Sortierung entlang des Zeitstrahls folgt natürlich dem Geschäftszweck, wie ich schon bei Carta ausgeführt habe. Und sogleich taucht ein weiteres Problem auf, welches ich mit dieser Darstellungsweise habe: Der Fiktion eines konsistenten Lebensarchivs.
Die Natur hat es so eingerichtet, dass auch unsere Erinnerung ein nicht genau definierbarer, schon gar nicht messbarer Gedankenspeicher ist, der sich ständig ändert. Wie könnten wir sonst existieren. Jede, insbesondere die deutsche Gesellschaft, würde augenblicklich implodieren, wäre es anders.
Man wage heute, am Holocaust Gedenktag, folgendes Gedankenexperiment: Unsere Erinnerung wäre so bestimmt, wie es Facebook es uns glauben machen will. Das Nachkriegsdeutschland samt Wirtschaftswunder hätte es nie gegeben. Stattdessen wäre die deutsche Gesellschaft unter ihrer Schuld zwangsläufig zusammengebrochen.
Aber schon kurz nach Kriegsende schien der Krieg und entsetzliche Unrecht verblasst und weit entfernt in der Erinnerung unserer Eltern und Großeltern.
Wie dem auch sei. Ich finde nicht, wir sollten uns ohne nachzudenken, auf dieses Spiel einlassen und schleunigst was anderes erfinden.