Mir scheint es mittlerweile so, als würde die Diskussion um Google Streetview als eine Stellvertreterdiskussion geführt.
Da stellen sich diejenigen, die sich selbst als Netzbewohner sehen, beinahe vorbehaltslos auf die Seite von Googel und
die anderen, die nur in ihren Eigenheimen leben und nicht im Netz, haben Angst, dass man sie und ihr Eigentum ablichtet und gegen
ihren Willen in eine nicht näher beschriebene, sondern lediglich postulierte digitale Öffentlichkeit teleportiert.
Streetview und ähnliche Angebot sind Hybride, eine Verschmelzung der Welten und darum entzündet sich daran die Diskussion.
Der Meinungskampf droht bisweilen ins sektenhafte abzugleiten, wenn nur Positionen und Postulate ausgetauscht werden,
besonders die Fantasielosigkeit und Argumentationsarmut bei den Befürwortern ist enttäuschend. Jetzt wäre doch die Zeit gekommen, die theoretischen Grundlagen zu legen.
Einfach nur zu behaupten, diese digitale Öffentlichkeit sei etwas gott googlegegebenes und man müsse sich ihr fügen, ist zu wenig.
Noch leben wir hier in einer Welt, in der wir die Bedingungen unseres Zusammenlebens verhandeln. Leider ist auch die Politik überfordert also
müssen wir es selbst tun.
Eine Schwachstelle bei den Befürwortern liegt in der Gleichsetzung von Öffentlichkeit und digitaler Öffentlichheit.
Digitale Öffentlichkeit ist ein vielschichtiges Konstrukt mit unterschiedlichen Schichten und Räumen
sowie Berechtigungsebenen. Sie ist im Gegensatz zur analogen Öffentlichkeit über entsprechende Schnittstellen:
- umfassend,
- allgegenwärtig verfügbar,
- durchsuchbar
- rekombinierbar
- überstaatlich
Für die, die am Rande stehen, ist sie nicht fassbar und erzeugt ein Gefühl der informationellen Fremdbestimmung. Insbesondere dort, wo neue Kontexte geschaffen werden, steigen
viele aus. An diesem Punkt funktioniert die digitale Welt eben anders als die Realität.
Warum diejenigen, die sich sonst gegen alle Maßnahmen der Zwangsdatenerhebung mit Händen und Füßen wehren, wenn sie von staatlichen Stellen
betrieben wird, einem intransparenten Unternehmen vertrauen, vermag ich nicht zu begreifen. Da gibt es Pro-Streetview-Texte neben denen ein
Banner zur Teilnahme an einer Demo u.a. gegen Videoüberwachung aufruft.
Damit wir uns nicht falsch verstehen, ich halte digitale Öffentlichkeit, besonders auf dem Gebiet der Politik, für einen Segen.
Kartenmashups, Geodienste, soziale Netze usw. bereichern das Internet und dennoch muss es das Ziel sein, die Regeln für diese digitale Öffentlichkeit, die
wir zu großen Teilen selbst durch unser im Netz sein (passiv oder aktiv - freiwillig oder unfreiwillig) gestalten, selbst zu bestimmen und sie eben
nicht (nur) unternehmerischen Interessen zu überlassen.