Eigentlich müßte man die aktuelle Beuys-Ausstellung in Düsseldorf (noch bis 16.01.2011 im K20) mit Filzpantoffeln betreten. So bekäme man wenigstens direkt über seine Sinne eine unmittelbare Ahnung von dem, was dort gezeigt wird. Man müßte nicht mit dem Verstand begreifen, was der Lieblingswerkstoff Filz bei Beuys bedeutet, man würde es fühlen.
So aber erschließen sich die rund 300 Arbeiten nur über den Intellekt und es sei jedem geraten, den zum elektronischen Museumsguide umfunktionierten iPod auch intensiv zu nutzen. Damit wird der Rundgang durch die Schau mit dem Titel „Parallelprozesse“ zu einem Proseminar in Kunstgeschichte. Gleichzeitig eine Stärke und Schwäche der Ausstellung.
Wer sich die Mühe macht, jeden der Texte anzuhören, ist am Ende tatsächlich schlauer und kennt sich besser aus in der Ideenwelt von Beuys. Gleichzeitig wird er aber erkennen: Das hier ist ausgestellte, tote Kunstgeschichte. Alles läuft so ab wie bei den derzeit so angesagten Großausstellungen von Monet über Frieda Carlo bis eben Beuys. „Muss man gesehen haben“, gilt auch sicher hier.
Und doch ist die Kuratorin Marion Ackermann der Ideenwelt von Beuys nicht gerecht geworden. Das fängt bei der Antwort auf die typischen Beuys-Fragen an, die auch in der Ausstellung immer wieder thematisiert werden: „Ist das was Beuys gemacht und veranstaltet hat, überhaupt Kunst?“ und „Kann man ihn überhaupt ausstellen?“ Beides bejaht die Kuratorin natürlich und stellt doch Beuys-Werke aus, die allenfalls noch Kunstreste sind. Die funktionslose Honigpumpe beispielsweise von der Documenta 6, die in der Ecke liegt wie Altmetall, das auf den Schrotthändler wartet.
„Die menschliche Kreativität ist das eigentliche Kapital der Menschheit“
Ideen, Aktivitäten und Prozesse lassen sich eben nur sehr schwer ausstellen, bestenfalls dokumentieren. Sie waren aber die zentralen Motive in Beuys Werk (soviel hat mir der iPod verraten). Davon aber vermittelt die Ausstellung nichts. Der Besucher wird in der Rolle des Konsumenten gedrängt – ein Zustand, den Beuys selbst anprangert wie in der Aktion Filz-TV und den er in seiner Ideen vom erweiterten Kunstbegriff zu überwinden versucht. „Die menschliche Kreativität ist das eigentliche Kapital der Menschheit“, kann man dazu im Katalog lesen.
Bei den „Parallelprozesse“ ist man nur Betrachter oder Student der Kunstgeschichte. Es fehlt die Möglichkeit zur eigenen Kreativität, die Schnittstelle zur Außenwelt. Das fängt mit dem museumstypischen Fotografierverbot an und geht mit der lückenlosen und nervenden Überwachung auf Schritt und Tritt durch das Museumspersonal und die Videokameras weiter.
Gerade Beuys hätte die Chance geboten, endlich eine Ausstellung mal zu öffnen. Denn ein weiterer seiner zentralen Ideen war die Interaktion, das selbst Tätig werden der Menschen. Man hätte auf einfache Weise mit dem iPod diese Interaktionsmöglichkeiten schaffen können. Man hätte Wege öffnen können, die eigenen Eindrücke und das was man von Beuys verstanden hat mit der Welt außerhalb des Museums zu teilen. Sollen die Leute doch fotografieren und die Bilder und ihre eigenen Interpretationen im Netz verbreiten. Den Wert der Werke würde das nicht schmälern, im Gegenteil.
Diese Ideen zu reaktivieren misslingt der Ausstellung also. Dabei sind sie aktueller als zu Beuys-Lebzeiten. Mit seinen Vorstellungen von Kunst, direkter Demokratie und Sorge für die Umwelt hat er seine Zeitgenossen überfordert. Jetzt überfordert er die Kuratoren, die seine Ideenwelt präsentieren, als sei sie bereits Geschichte. Ihre heutige Relevanz vermittelt sie nicht. Von Prozessen findet sich in „Parallelprozesse“ keine Spur. Das K21 wird zum Beuys-Mausoleum. Im letzten Saal betritt der Zuschauer folgerichtig eine Art Gruft. Das ist dann das Ende.