Zerbröselnde Plattenbauten im ehemaligen Stadtkern
Behörden in der westrussischen Exklave Kaliningrad haben am 29. Juli 40.000 Exemplare der druckfrischen Zeitung "Iswestija Kaliningrada" konfisziert, berichtet der WDR. Der Herausgeber der Zeitung wurde für mehrere Stunden verhaftet. Bei der "Iswestija Kaliningrada" hätten die Leser einen offenen Brief an Präsident Medwedew vorgefunden. Darin forderten mehr als zweitausend Bürger nach Korruptionsvorwürfen den Rücktritt der regionalen Regierung, heißt es weiter.
Ich war zu eben jener Zeit in Kaliningrad (das alte preußische Königsberg) und hätte diesen Brief sofort unterschrieben. Nirgends treten die Folgen der Vetternwirtschaft und Korruption so offen zu Tage, wie in dieser Stadt. Sie sind an jeder Straßenecke für jeden sichtbar: Die Straßenbahnen rumpeln mit Tempo 15 über ihre ausgefahrenen Gleise, die wohl aus deutscher Zeit stammen. Dort wo es noch Häuser aus dieser Zeit gibt, sieht es aus als sei der Krieg eben erst vorbei. Häusersklette werden notdürftig mit einem Bretterzaun gesichert. Innen wachsen Pionierpflanzen in den Etagen. Die deutschen Firmenschilder sind teilweise noch sichtbar.
Doch haben diese Gebäude noch eine Art historischen Charme, auch wenn dort meistens keiner mehr wohnen kann. Schlimmer sehen die Plattenbauten aus. Die Fugen der Bauelemente zeichnen sich braun und schwarz vermodernt ab. Die vorgebauten Balkone zerfallen, Putz und Anstrich blättern ab.
Die
Kreuz-Apotheke in der ehemaligen Königsstraße überlebte sogar den Krieg und wurde erst später zur Ruine
Dort, wo Straßen ausgebessert werden, bleiben quadratmeter große Gruben und Löcher. Bei Regen laufen sie voll Wasser – wer sie als Autofahrer übersieht, für den endet die Fahrt in der Werkstatt oder im Krankenhaus.
Doch das mit Abstand größte Monument für die verrottenden Reste des Sozialismus ist das Haus des Sowiets oder Rätehaus. Von allen Seiten sichtbar erhebt sich der Betonkoloss gut 50 Meter in den Himmel und beherrscht das Bild der Stadt. Er wurde nie fertiggebaut. Weil er sich für den weichen Untergrund einfach zu schwer erwies, mußten die Bauarbeiten eingestellt werden. Dort wo früher das Königsberger Schloss stand, steht nun eine Ruine im Zentrum der Stadt, umgeben von Brachland und einer Stadtautobahn.
(Neu-)Bauruine: Haus der Sowjets oder Rätehaus
Wenn Medwedew einen Beleg für Vetternwirtschaft und Korruption benötigt, sollte er sich Königsberg anschauen. Ebenso so wie Sahra Wagenknecht und all die Kapitalismusverflucher.
Sie werden dann auch schnell sehen, dass es auch dort eine Elite gibt, die es sich wohlergehen lässt und ihren Reichtum auch zeigt. S-Klassen und Luxus-SUV bugsieren um die Schlaglöcher herum, ihrer Eigentümer leben (auch hier) in einer Parallelwelt aus Reichtum, nur dass es den restlichen Menschen unvergleichbar schlechter geht als in jedem kapitalistischen System.
S-Klasse vor dem Abfertigungsgebäude des Flughafen Kaliningrad. Ebenfalls schon im Verfall begriffen, obwohl noch gar nicht fertiggestellt
Dieser Teil von Russland hat sich für mich wie ein Entwicklungsland präsentiert, in dem Neubauten wie der Flughafen schon wieder verfallen, noch bevor sie überhaupt fertig sind. Hier könnte Medwedew beispielsweise untersuchen lassen, in welchen Kanälen das Geld für die Fertigstellung der Gates versickert ist, deren Rohbau-Gerippe man jetzt hinter einem Gazprom-Banner versteckt. Selbst die Landschaft verkommt, weil niemand in der Lage zu sein scheint, die Wiesen und Felder noch zu bewirtschaften. Störche gibt es dort in Massen, sie finden in den versumpfenden Wiesen optimale Lebensbedingungen. Die Menschen dagegen gehen in den Wald und sammeln Pilze und Beeren, um sie dann am Straßenrand zu verkaufne.
Auf diese Situation mit Zensur und einer Art Nachrichtensperre zu reagieren, anstatt mit einer Politik, die diese Zustände ändert, zeigt nur umso deutlicher, wie sehr diese Gesellschaftsform gescheitert ist. Jeder wirtschaftet hier auf eigene Rechnung, Interesse am Gemeinwohl scheint niemand mehr zu haben.
Die einzige Hoffnung sind die vielen - vor allem jungen - Menschen, die modisch bis stylish die Stadt bevölkern und nicht den Eindruck erwecken, sei seinen vollkommen deprimiert. Vielleicht sind die Klamotten auch umso bunter, je öder die Stadt ist. Ich weiß es nicht.
Erinnerungen und Ehrenmale finden sich überall in der Stadt
Nicht, dass ich hier falsch verstanden werde, das ist hier keine Deutschtümelei. Es ist einfach frustrierend durch diese Stadt zu gehen. Es scheint, als sei Russland nach dem gewonnenen 2. Weltkrieg nicht mehr viel eingefallen, wofür es sich lohnt zu kämpfen.