"Seit dem 16. Februar, seitdem die Plagiatsvorwürfe gegen Guttenberg zum ersten Mal in der Zeitung standen, hat er nicht mehr musiziert", schreibt Heribert Prantl in seinem Porträt des Verfassungsrechtlers und Doktorvaters von Karl-Theodor zu Guttenberg Peter Häberle. Prantl ist offenbar der erste, dem sich Häberle nach der Enttarnung Guttenbergs geöffnet hat - es muss ein große Überwindung für ihn gewesen sein: "Nein, bitte nicht gleich mit Guttenberg beginnen."
Dieses Porträt hinterlässt den Leser fassungslos. Häberle wird beschrieben als ein Mann, der für die Wissenschaft lebt und an das Gute im Menschen glaubt. Als jemand, der Vertrauensvorschuss gewährt. Als ein Professor, der seine Doktoranden noch im Sinne eines Doktorvaters väterlich betreut. Der sie zu sich nach Hause einlädt, in sein Musikzimmer, wo sie alle paar Monate die neusten Kapitel ihrer Arbeit vortragen müssen.
Diesen "schwäbisch sprechenden Weltgeist", diesen Menschenfreund hat zu Guttenberg zerstört. Hat sich mit seiner Eloquenz, seinem guten Benehmen, seiner Abstammung sein Vertrauen erschlichen und hat ihn von Angesicht zu Angesicht belogen!
Nein, Häberle ist nicht einer, der nach Aktenlage prüft, dann wäre der Betrug vielleicht vorher aufgefallen. Und er wäre auch nicht so gravierend gewesen, vielleicht so, wie wenn man in der Steuererklärung schummelt - den prüfenden Finanzbeamten kennt man auch nicht. Auch zu ihm gibt es keine persönliche Beziehung, man kann ihn nicht enttäuschen oder verletzen.
Aber zwischen Häberle und zu Guttenberg gab es eine persönliche Beziehung. Sie war Voraussetzung für den "Erfolg" von zu Guttenberg. Er hat sich eingeschlichen in das Haus des Professors, hat die gute Absicht des Gelehrten für seinen schlechten Plan missbraucht. Andere Studenten sind Häberle "ewig dankbar". Guttenberg war das egal: Der Ex-Minister-Ex-Doktor hat seinen Doktorvater eiskalt geopfert für seine Sache, so beschreibt es Prantl. Für mich erhält der Fall Guttenberg damit eine neue Dimension:
Wenn ein Mensch über Nacht seine Musik verliert, muss etwas Schreckliches geschehen sein.
(Süddeutsche Zeitung Nr. 83; Sa./So., 9./10. April 2011, Seite 3)