Wer wissen will, was an den Finanzmärkten da draußen wirklich abgeht und wie dramatisch die Lage schon ist, der sollte jetzt gleich zum Kiosk laufen und sich das Handelsblatt besorgen.
Die Zeitung druckt den Offenbarungseid von Schäuble und ist ein Beleg für die erneute Hilf- bzw. Machtlosigkeit der Politik in Sachen Finanzkrise. Offenbar hat sich Schäuble zu einem adhoc-Interview überzeugen lassen, seine Botschaft an die Leser (der Finanzcommunity): "Wir lassen Griechenland nicht fallen".
Auf Seite 6 wird es noch besser: Ein Gnadengesuch von José Luis Zapatero. Der spanische Regierungschef und amtierende EU-Ratspräsident gelobt via Handelsblatt Haushaltsdisziplin und Reformeifer - das hat es, glaube ich, so noch nicht gegeben. Auf die Zocker muss das aber wie eine Unterwerfungsgeste wirken, der Unterlegene bietet dem Angreifer seinen ungeschützten Hals und hofft, dass er nicht zubeißt. Wenn er sich dabei mal nicht vertut.
Denn auch über die Angreifer ist etwas zu lesen - nämlich über "Josef Ackermanns Superrendite" und wie es dazu kam. Und es ist eine ziemlich Ilusion zu glauben, irgendeine Bank der Welt würde die enormen "Chancen" an den Märkten nicht ausnutzen. Siehe Goldman Sachs (S. 34) und den verzweifelten Versuch Obamas, seine Finanzmarktreform durchzuboxen (S. 18).
Der wichtigste Aspekt steht aber auf Seite 6: "Die Märkte agieren in Echtzeit, die Politik muss es auch", sagt Anton Brender, Chefvolkswirt von Dexia Asset Mgt.
Also, heute ließt sich die Zeitung wirklich wie ein spannender Roman über die Finanzmärkte und die Politik. Und wer damit fertig ist, hat eigentlich nur noch einen Gedanken: "Schnell das letzte bisschen Kohle von der Bank holen und ausgeben, bevor das da alles zusammenbricht".
PS: dieses viel gelobte Internetz wie wir es kennen und nutzen hat mit dem Ausgang dieser Geschichte rein gar nichts zu tun. Der Finanzmarkt nutzt seine eigenen Netze und die sind viel schneller und gegen äußere Einflüsse abgeschottet. Auch regt sich kein Protest im Web, die Leute sind eben nicht politisiert, sondern schauen nur zu - wenn überhaupt.