Filmplakat: Die Krähe als Miniaturbomber
Funny, Funny, Funny heißt es auf dem Filmplakat, doch mit jeder Minute bleibt dem Zuschauer bei „Four Lions“ das Lachen mehr im Halse stecken. Gestern wurde der Film im Coworking Space Garage Bilk bei Bier und Ayran, besser: bei Bier oder Ayran vor-uraufgeführt.
Four Lions von Regisseur Chris Morris (Brass Eye, Jam, The IT_Crowd) erzählt die Geschichte einer Gruppe Do-it-yourself-Terroristen, die frei von jeglichem Glauben und jeglicher Ideologie ihren privaten Jihad planen und dabei immer aufs Neue an ihrer eigenen Unfähigkeit scheitern, bis es schließlich am Ende des Films doch noch Tote gibt aber auf eine ganz unerwartete Weise.
Doch zunächst beginnt der Film mit einem stümperhaft produzierten Drohvideo der kleinen Terrorzelle und legt damit die Fährte aus Schenkelklopf-Humor, der wir bis zum Schluss folgen. Bis es auch für uns zu spät ist!
Omar, Waj, Barry und Faisal aber sind selbst vollkommen humorfrei. Ebenso stümperhaft wie ihre Videodrehs und Bombenbauversuche scheitern ihre Bemühungen, eine Begründung für ihre Pläne zu finden.
Als der Anführer Omar und Terrorgehilfe Waj in hohem Bogen wegen terroristischer Unfähigkeit aus einem pakistanischen Terrorcamp fliegen, beschließt Omar, den Kampf gegen die Ungläubigen in die eigenen Hand zu nehmen: Zunächst stirbt eine Krähe als gefiederte Miniaturausgabe eines 9/11-Bombers. Dann ein unschuldiges Schaf mitsamt dem Attentäter Faisal - mehr aus Versehen. Und an dieser Stelle hat der Film seinen Wendepunkt. Er erzählt die Geschichte der Vier Terror-Trottel konsequent weiter, doch plötzlich wird in echt gestorben, WTF!?
Auf einmal sieht man die Sauerland-Attentäer vor sich, wie sie heimlich die Zutaten für ihre Bombe besorgen und es aus reiner Doofheit (zum Glück!) vermasseln. Wie die „Brüder“ im Film. Jede Szene dieses Films ist voll von solchen Anspielungen auf die gar nicht lustige Realität. Sei es der banale Chat in einem Kinder-Internetportal über welches sich die selbst ernannten Top-Terroristen total konspirativ verständigen oder Omars familiärer Hintergrund mit einer emanzipierten Frau und einem kleine Sohn und einem netten und gar nicht feindbild gerechten Arbeitskollegen.
Die Dialoge explodieren wie kleine Minibomben im Kopf – der Lacher wird durch den Druck ihrer Explosion erstickt. „Wenn Omar hier wäre, könnte er dir das erklären“, sagt Waj als er mit einer Bombe ausgerüstet einer Geisel, einem Glaubensbruder, gegenüber sitzt, der wenige Minuten später, nach einer neuen Wendung, von der Polizei als vermeintlicher Terrorist erschossen wird. An dieser Stelle werden viele Zuschauer schon Mitleid mit den schusseligen Terroristen haben, aber wenn Omar zu der Einsicht gelangt, dass das alles hier irgendwie keinen Sinn macht, ist es zu spät.
Four Lions hat nicht nur ein geniales Drehbuch, phantastische Dialoge, tolle Schauspieler auch Kamera und Schnitt sind extraklasse. Mit Zoom, Schwenks und wackeligen Einstellungen ahmt die Kamera die Machart der Drohvideos über weite Strecken nach und treibt diese Ästhetik zur Kunstform: Sie schlägt die Dschihadisten mit ihren eigenen Waffen. Diese – und das eine weitere schlaue Anspielung – sind so selbstverliebt, dass sie sich fortwährend selber filmen und gar nicht merken, wie scheiße sie dabei wirken.
Dieser Film ist ein Meisterwerk, den man mindestens einmal in der Originalfassung schauen sollte und noch zwei bis dreimal mit Untertiteln oder in der synchronisierten Version. Kinostart in Deutschland ist der 21.04.2011.
PS. Echte gläubige Muslime haben genau Null Gründe, sich über diesen Film aufzuregen, sie werden sauber rausgehalten. Und wenn sie am Schluss als Hauptverdächtige verhört werden ist das im Sinne des Drehbuchs und der Realität nur konsequent.