Über manche Überschriften und Geschichten ärgert man sich den ganzen Tag. Aber so wie über den Handelsblatt-Aufmacher von heute, habe ich mich schon
lange nicht mehr aufgeregt. Wir lesen:
"Rückkehr der Normalität" - "Zeitenwende im Internet: Die Umsonstkultur des World Wide Web hat dem Qualitätsjournalismus schwer geschadet und soll daher korrigiert werden. Die Chefs der Medienkonzerne setzen auf bezahlte Inhalte - vorneweg Rupert Murdoch und Mathias Döpfner.
Mal abgesehen davon, dass diese Überschrift und dieser Vorspann mit Qualitätsjournalismus soviel zu tun hat, wie die Pressemitteilung einer drittklassigen PR-Agentur:
Handelsblatt.de mit Paywall aus dem Jahr 2000, (Quelle Screenshot: Waybackmachine)
Über die angebliche Kostenloskultur im Web zu lamentieren, ist wie sich über die Gespräche auf dem Marktplatz zu beschweren. Diese sind auch öffentlich und kosten nichts. Genau wie viele grandiose und weniger gelungene Inhalte im Internet, kosten sie nur unsere Aufmerksamkeit.
Die offene Internet-Infrastruktur hätte auch für Verlage viele Chancen bereit gehalten, aber in vielen Häusern wurden sie nicht genutzt oder nicht erkannt oder beides. Seit mehr als zehn Jahren versuchen die Verlage, das Internet zu verstehen. Und jetzt wo man für einen kurzen Moment dachte, sie würden es begreifen, fallen sie in ihrer Logik wieder auf das Niveau eines Pferdedroschken-Besitzers zurück, der sich über kostenlos nutzbaren Straßen beschwert, auf denen ihnen jetzt diese stinkenden Autos das Geschäft mit dem Qualitätstransport vermiesen.
In dieser Diskussion jagt eben ein schiefes Bild das nächste! Aber das Gerede von der Kostenloskultur ist „das schiefste“. Ein offene Infrastruktur hat es nun mal so an sich, dass sie jeder nutzen kann wie er mag.
Den Döpfners und Steingarts sei jedoch gesagt: Wenn etwas den Qualitätsjournalismus gefährdet, dann ist es die fehlende Innovationskultur in den Verlagen. Und wenn es ganz schlecht läuft, wird sogar das Internet dadurch als solches Schaden nehmen, wenn nämlich Lobbyprojekte wie das Leistungsschutzrecht Wirklichkeit werden.
Verlagsgruppe Handelsblatt ohne Innovationskultur
Am Beispiel der Verlagsgruppe Handelsblatt kann man diese These sehr schön belegen. Das Haus zeichnet sich durch eine inkonsistente, zufällige und opportunistische Webstrategie aus. Alles wurde probiert und nie durchgehalten. „Rin in die Kartoffeln – raus aus die Kartoffeln“. Die Geschäftsführer wechselten im Jahresrhythmus und jeder brachte neue Ideen mit. Redaktionen wurden zusammengelegt, aufgepumpt, abgebaut, getrennt. Print und Online wurde vereint und wieder geschieden, waren Freunde, Feinde, Partner – arbeiteten zusammen oder auch nicht. Das ganze war Trial and Error in irrwitziger Geschwindigkeit, nur dass niemand die Ergebnisse der Versuche abwarten wollte. Bevor klar war, wie was funktioniert, wurde wieder die nächste Sau durch die Redaktion getrieben – gerne auch mit einem Redaktionsumzug verbunden.
Früher Höhepunkt war die Gründung der Economy.One AG im Jahr 2000 mit einer Zentralredaktion von Handelsblatt, Wiwo, DM und Karriere. Es gab Aktienoptionspläne, Kopfprämien für neue Mitarbeiter, einen vierköpfigen Vorstand, phantastische ppt-Präsentationen und Börsenprospekte und nur wenige Wochen später Entlassungen und kurz darauf die Abwicklung.
Unternehmerpech eben.
Dabei hatte das Handelsblatt mit einem frühen Webauftritt um das Jahr 2000 bereits eine Paywall gemauert aber dann wollte man eben vom „explodierendem“ Onlinewerbemarkt profitieren. Ist ja auch ok – nur jetzt, wo die eigene Unternehmensstrategie der letzten 10 Jahre nicht aufgegangen ist, von einer zerstörerischen Kostenloskultur daherzureden ist einfach voll daneben.
Und ist das Handelsblatt in seiner gedruckten Variante in dieser Zeit wirklich schlechter geworden?
Nein, sicher nicht. Nur hat es keiner der Chefredakteure trotz anders lautender Parolen geschafft, die riesige Redaktion wirklich in einen multimedial arbeitenden Organismus zu verwandeln. Und jetzt habe ich keine Lust mehr, mich weiter aufzuregen.
(Disclosure: Ich war von 1999 bis 2008 Angehöriger der Handelsblatt-Redaktion)
PS: Ebenfalls zum Thema schreibt: Neunetz.coom