"Nehmen ist seliger denn geben" - so steht es doch schon in der Bibel!? Und so wurde es auch auf einer Art Twitter-Gottesdienst - der "140 Characters Conference" gepredigt (http://london.140conf.com/), die am Dienstag im Londoner Stadtteil Greenwich im nicht gerade kommunikativen "O2" http://www.theo2.co.uk/ stattfand.
Stephen Fry bei seinem Vortrag
Einige der üblichen Verdächtigen hatten sich dort versammelt, um die frohe Botschaft der Internet-Kurzkommunikation als neue Evolutionsstufe des Web zu verbreiten. Da war Internet-Hans-Dampf Jeff Pulver als Veranstalter (http://twitter.com/jeffpulver), er trat auf als Johannes der Täufer und schwörte die ganz grob geschätzten 250 Besucher auf den neuen Glauben an Tweets und Retweets ein.
Die Rolle des Jesus übernahm diesmal Stephen Fry (@stephenfry). Der britische Autor, Komiker und Schauspieler gehört mit mehr als einer Million Followern zu den Menschen mit der größten Aufmerksamkeit auf Twitter weltweit. Und nach seiner Predigt über das Gute im Menschen, welches jetzt ausgerechnet durch Twitter wieder ans Tageslicht kommt, habe ich nur noch auf das abschließende TwAbendmahl gewartet.
In seinem Vortrag wurde aber deutlich, welche Macht Menschen über Twitter bekommen können, wenn sie es verstehen, einen Aufmerksamkeitsvorrat aus anderen Medien ins Web zu übertragen. "Stars wie Britney Spears (
http://twitter.com/britneyspears), brauchen sich mit der Presse auf keine Interviewdeals mehr einzulassen, bei denen der Reporter Fragen über ihr Leben stellen darf, wenn er auch auf das neue Album eingeht", sagte Fry. Was ist schon ein Magazin mit einer Auflage von 1,5 Millionen Exemplaren, verglichen mit fast vier Millionen Followern? Leute wie Spears steuern ihr Image ab jetzt selbst und ohne Hilfe der Presse.
Da wurde schon klar, dass es nicht nur um das Gute im Menchen gehen kann. Sondern auch um Macht. Das war dann der richtige Zeitpunkt für den Auftritt des Antichristen in Gestalt von Andrew Keen (@ajkeen). Der Autor und Internetkritiker goss den Zuhörern ordentlich Wasser in den Messwein, indem er an den Vortrag von Fry anknüpfte und feststellte, dass wir keineswegs in Richtung Internetkommunismus marschieren sondern nur von einer Hierachiearchitektur in die nächste wechseln.
Im Web werde Macht eben nicht mehr von Institutionen ausgeübt, sondern von Individuen wie Fry - und die könnten dann, genau wie Institutionen auch gute oder schlechte Absichten haben. "Wer über Authentizität verfügt oder vorgibt authentisch zu sein, kann Macht ausüben", glaubt Keen. Dass jeder einzelne plötzlich mitreden darf und auch gehört wird, sei nur eine Illusion.
Und wie zum Beweis seiner Skepzis trat dann Jeffrey Hayzlett (@JeffreyHayzlett), seines Zeichens oberster Marketingmensch bei Kodak auf. Ich würde nicht so weit gehen, ihn als Judas in dieser Geschichte zu bezeichnen. Dennoch glaube ich (persönlich!) seinem Bekenntnis zu einer gleichberechtigten Kommunikation (unternehmensintern und extern) nicht. Er hat einfach nur begriffen, wie der Hase läuft und präsentierte sehr ungeschminkt und damit ebenfalls authentisch die unternehmerische Sicht auf das neue Twitter-Ding. Es war so, als könne er es gar nicht fassen, dass Menschen im Web freiwillig und kostenlos das hergeben, was man ihnen früher per Marktforschung mühsam und teuer aus der Nase ziehen mußte: Verbesserungsvorschläge, Produktbewertungen, Meinungen und vorallem Wünsche.
Sogar Ideen für neue Produktnamen kommen in unglaublicher Fülle und gratis aus dem Web, z.B. für die neue Zi8 - die kleine flipähnliche Videokamera, die natürlich viel besser ist als die Orginal-Flip aber eben so einen doofen Namen hat. Mit Hilfe von Twitter machte sich Hayzlett dann im August auf die Suche nach einer besseren Bezeichnung - dummeweise war Flip ja schon vergeben. In einer Art Preisausschreiben konnten US-Bürger unter
1000words.kodak.com oder per Tweet an @JeffreyHayzlett mit Hashtag #nameAKodak einen neuen Namen vorschlagen. Hayzletts Favorit ist "Pocket-Rocket" aber aus Angst vor möglichen Schwierigkeiten mit der Rechtsabteilung sich wird daraus wohl nichts. Der Gewinner jedenfalls wird zu einer Reise nach Las Vegas zur Präsentation der neu benamten Kamera eingeladen und erhält eine Art Credit (vielleicht ein Photo) in jedem neuen Gerät (das hänge auch vom Aussehen des Gewinners oder der Gewinnerin ab).
Das ist natürlich jede Menge „Involvement“, um in der Marketingsprache zu bleiben und günstig obendrein. Wer dennoch von Hayzlett mit einer Flip angegtroffen wird, sollte sich vorsehen. "Natürlich könnt ihr eine Flip benutzen, wenn ich euch aber damit erwische werde ich sie euch abnehmen und auf dem Boden zertreten", meinte er - vermutlich nicht ganz im Ernst.
So ist das also: Im neuen Realtime-Datenstrom im Netz ist soviel drin, was man gebrauchen kann, vor allem Aufmerksamkeit. Nur vom Geben wurde auf der Konferenz wenig geredet. Fast jeder Redner hatte ein tolles Beispiel parat, wie er über Twitter einen wertvollen Tipp oder Ratschlag gefunden hat, vom neuen Produktnahmen über erste Hilfe für Hamster bis hin zu Hotdog-Rezepten mit roten Zwiebeln - aber kein einziges Beispiel erzählte die Geschichte vom Geben. Da müssen wir dann doch wieder in der Original-Bergpredigt nachschlagen und können uns nicht auf die Web-Evangelisten verlassen.
PS: am Rande sein noch vermerkt. Ich war lange nicht mehr in England. Wer aber mal am eigenen Leib erfahren möchte, wie der Überwachungsstaat der Zukunft aussieht, sollte unbedingt hinfahren. Ich würde gerne mal meine vom CCTV (
http://de.wikipedia.org/wiki/Closed_Circuit_Television) lückenlos aufgezeichnete Videospur von der Ankunft am Flughafen bis in die Stadt und zurück sehen. Und auch mal in die Köpfe der Menschen schauen, die dafür sorgen, dass einem mindestens drei Wachleute auf Schritt und Tritt verfolgen und alles untersagen, was ihnen in irgendeiner Form nicht regelkonform scheint - oder gar gefährlich.
Dabei sind diese armen uniformierten Menschen nichts anderes als Überwachungsautomaten, die über keinen, aber auch gar keinen persönlichen Entscheidungsspielraum verfügen. Das merkt man sofort drastisch und unmittelbar, wenn man versucht, im öffentlichen Raum ein schlichtes Interview zu führen. Sie sind da - ich weiß nicht wo sie herkommen - aber sie sind da und werden es dir verbieten. Am selben Tag eine Genehmigung zu bekommen, ist bei der Entscheidungskette, deren Glieder man einzeln zurückverfolgen muss, bis sich einer eine Entscheidung zutraut - aussichtslos. Ist das ist eine Gesellschaft der Angst / in Angst - die diese Mechanismen hervorbringt? Hoffentlich nicht bei uns!