Manchmal spricht Bodo Hombach, manchmal schreibt er über das Internet
(Bild: Nicole Simon, Flickr)
Das Handelsblatt beteiligt sich gerade an vorderster Front an einer Kampagne gegen die Kultur des freien Wissens im Internet und räumt den Lobbyisten aus dem eigenen Lager die Seiten frei. War das Handelsblatt unter Bernd Ziesemer noch das selbsternannte „ordnungspolitische Gewissen“ wird es unter Gabor Steingart offenbar zum Kampfblatt für Verlegerinteressen.
Ziel ist es, politisch das Leistungsschutzrecht für Verleger durchzusetzen und die eigenen Reihen zu schließen. Gemeinsam mit VDZ und BDZV geht es gegen die so genannte Kostenloskultur im Internet. Künftig sollen die eigenen Inhalte im Netz nur noch gegen Bezahlung angeboten werden.
Springer Chef Döpfner machte den Anfang. Er durfte vor einigen Wochen auf Seite 1 die Rückkehr zur (bezahlten) Normalität fordern. Ihm folgte am Dienstag die
ARD-Vorsitzende Monikia Piel, die öffentlich zur Kartellbildung gegen Google und andere Unternehmen auffrief und gar die ARD durch einen US-amerikanischen Suchmaschinenbetreiber gefährdete sieht - und heute ist Bodo Hombach, der Geschäftsführer der WAZ-Gruppe, an der Reihe (Handelsblatt vom Nr. 004 vom 06.012011, Seite 56).
„Massenhaft Müll“Er schreibt (Achtung Zitat, fällt nicht unter Leistungsschutz):
„In der Frühphase des Internets ging es um explosive Ausweitung und naive Erkundung der neuen Möglichkeiten. Neben massenhaftem Müll wurden auch wertvolle Inhalte für 'lau' verschleudert oder raubkopiert. Bei zahllosen Nutzern schliff sich eine Gratismentalität ein, die fast zum Glaubenssatz wurde. Bezahlinhalte galten als Sünde wider den Geist des Webs.“
Die in diesem Neusprechsatz enthaltenen Unterstellungen und Beschuldigungen lassen wir jetzt einfach mal beseitete. Dennoch: Mit dieser willkürlichen Unterscheidung zwischen „massenhaftem Müll“ im Netz und wertvollen Inhalten, die dann aber fälschlicherweise „für lau verschleudert oder gar raubkopiert wurden“, bemüht er wie seine Mitstreiter eine verquere Logik von einer Klassengesellschaft im Netz.
Ja, man kann im Internet journalistische Erzeugnisse veröffentlichen, man kann sich aber einfach auch nur mal unterhalten. Es liegt eben im Auge des Betrachters, denn grundsätzlich ist es so, dass der Wert eines Inhaltes vom Empfänger und nicht vom Absender bestimmt wird und es ist ziemlich vermessen, die eigenen Erzeugnisse per se als qualitätshaltig gegenüber dem Rest im Netz abgrenzen zu wollen. Im Übrigen ist Kampagnenjournalismus für mich in keiner Weise Qualitätsjournalismus – aber das ist ja wie gesagt jedem selbst überlassen, dass zu beurteilen.
Real World KostenloskulturAußerdem ist es so, dass auch in der realen Welt ein sehr großer Teil der Kultur kostenlos oder stark subventioniert nutzbar ist. Man schaue sich dazu nur die Finanzierung des Kulturhauptstadtjahres Ruhr 2010 rund um den Konzernsitz der WAZ in Essen an. Auf der
A40 beispielsweise trafen sich Hunderttausende und man nannte es Kultur, obwohl von den Veranstaltern kein Eintritt verlangt wurde, die Aktion aber ganz sicher nicht „für lau“ organisiert werden konnte. Oder denken wir an die subventionierten Opernkarten, die vielleicht auch Herr Hombach gerne nutzt.
Aber jetzt bin ich dem Kollegen Hombach fast auf den Leim gegangen in seiner Gleichsetzung von einer "Kultur des kostenlosen Nutzens" (von was auch immer) und kostenloser Kultur. Dieser rhetorische Trick führt in direkter Linie zu der von Ihm angeprangerten Gratismentalität, zum pauschalen Vorwurf des Schmarotzertum an alle im Netz, der unberechtigten Inanspruchnahme und des nicht zahlen Wollens.
Aber so ist es nicht. Der Mensch ist ein vernunft- und kulturbegabtes Wesen. Wann immer Menschen zusammenkommen - online oder offline - entsteht automatisch Kultur (außer vielleicht, sie sind alle stockbetrunken) und das hat mit Geld zunächst mal gar nichts zu tun. Und deshalb sollte man den Kulturbegriff auch nicht ständig auf diese Weise missbrauchen.
Verlogene Diskussion
Das unerträglich an dieser Diskussion ist, dass sie so verlogen ist. Die Verlage haben nun jahrelang versucht, ihr Modell an das System Internet anzupassen und waren, von Ausnahmen abgesehen, nicht besonders erfolgreich darin. Nun versuchen sie mit aller Macht den umgekehrten Weg und wollen ihr System mit politischer Hilfe dem Web überstülpen – und zwar ohne Rücksicht auf Verluste.
Bodo Hombach (ab er auch das Handelsblatt) stehen exemplarisch für diesen Weg. Wir erinnern uns: Im Sommer 2006 war es, da versuchte Hombach es mit der Vereinnahmungsstrategie. Vor dem Start von
DerWesten (damals unter dem Arbeitstitel Westeins in der Mache) ließ er sich von allen A-Bloggern beraten, die damals Rang und Leser hatten. Das
WAZ selbst berichtet damals frohen Mutes vom „1. Strategischen Dialog zwischen WAZ und zehn renomierten Bloggern und Internetexperten“, wohingegen
andere Beteiligte da schon skeptischer waren. Dann machte Hombach eine von ihnen,
Lyssa (Katharina Borchert), zur Chefin von det janzen und ließ diese dann anschließend auch noch auf der allerletzten Medienkonferenz vom Aufbruch der WAZ nach Digitalien schwärmen. Ich war damals in der Handelsblatt-Onlineredaktion und zu dem Zeitpunkt irgendwie schon ein wenig neidisch auf soviel von ganz weit oben verordneten Aufbruch ins Netz (siehe auch:
Upgrade im Westen).
Trial-and-Error-SchleifeHeute, nur wenige Jahre später, ist nahezu alles abgewickelt, was bei der WAZ nach Internetkultur riecht. Katharina Borchert arbeitet nun für den Spiegel und mit Uli Reitz hat ein bekennender Qualitätsjournalist (= Printjournalist) faktisch das Ruder übernommen.
Thomas Kloß ist jetzt neuer Onlinechef und berichtet direkt an Reitz.
Westropolis, das Kulturportal der WAZ-Mediengruppe wurde vor wenigen Tagen geschlossen und damit auch die letzten Verbindungen zur eigenen Onlinevergangenheit gekappt. Im Frühjahr steht dann der Komplettrelaunch von DerWesten an. Damit schließt sich der Kreis (oder die Ehrenrunde durchs Web) denn mit Westropolis hatte der „naive Versuch“ Internet einmal begonnen.
Das alles ist nicht verwerflich, beim Handelsblatt kann man sich sogar auf einen gescheiterten Börsengang der Economy.One AG als eigene Trial-and-Error-Schleife berufen. Unternehmerische Experimente gehören aber genauso zur Wirtschaft wie unternehmerisches Scheitern oder der Erfolg. Nur dann sollte man das auch so benennen und nicht eine Diskussion mit Scheinargumenten für die Hinterbänkler und qualitätsmedienlesenden Politiker aufführen, um diese zur Zustimmung über unsinnge Gesetze zu bewegen. Denn das ist großes Polit-Theater, aufgeführt vor unser aller Augen, zumal wenn von den klagenden Verlagen an anderer Stelle gleichzeitig neue Kostenloskulturen wie der neue
"Handelsblatt-Newsaggregator", angelegt werden.
Wäre es nicht so, müßte sich Hombach eingestehen, anders als er in seinem Internet-Besinnungsaufsatz im Handelsblatt schreibt, seit 2006 selbst keine Lernkurve durchlaufen zu haben. Wer aber als Unternehmer nicht lernfähig ist, der hat sowieso keine Zukunft. Und außerdem reicht es mir langsam, mittlerweile fast täglich diese Texte lesen zu müssen.
Habt ihr denn gar keinen Stolz?
PS: einer der am 1. Strategischen Dialog Beteiligten, nämlich mein damaliger Kollege Thomas Knüwer, hat auch schon mal einen Brief an Herrn Hombach geschrieben und hat auch heute wieder kein Verständnis für die Sätze des Verlagsmanagers.